Das hier ist mal wieder nur was für die Aachener unter euch. Ich war letzte Woche Freitag im Theater 99 und habe mir
Factory von Igor Bauersima angesehen. Um ein Haar hätte ich dabei sogar mitgespielt, aber leider ist mir eine Diplomarbeit dazwischen gekommen. Also habe ich die Rolle an meinen lieben Freund
Narrman vermittelt, der eine hervorragende Figur gemacht hat. Meinen Glückwunsch nochmal! Und nun meine Kommentare zum Stück:
Die Factory ist eine Realityshow à la "Big Brother" & Co. Man lebt auf engstem Raum zusammen, ist der Öffentlichkeit preisgegeben und muss Zuschauervotings über sich ergehen lassen. Und es gibt Waffen. Zur Selbstverteidigung. Natürlich wird jemand erschossen und die Mitbewohner versuchen herauszufinden, wer der Mörder ist.
Das hört sich zunächst nach Krimi und Whodunit an, ist es aber gar nicht. Für den Zuschauer ist nämlich schnell (wenn nicht gar sofort) klar, wer der Mörder ist. Auch neben der Mördergeschichte gibt es keine starke Handlung die das Stück bestimmen würde. Vielmehr konzentriert sich das Stück auf die neun völlig unterschiedlichen Bewohner der Factory und wie sie mit der angespannten Situation fertig werden.
Um die Factory zum Leben zu erwecken ist hart gearbeitet worden. Das Theater 99 ist komplett umgekrempelt worden und hat nun Fernsehstudioatmosphäre. Kostüme und Bühnenbild haben einen futuristisch-schrägen Charakter, wirken aber keineswegs der Reality-Atmosphäre entgegen. Überhaupt wird in der Inszenierung auf "Reality" sehr viel Wert gelegt. Die Schauspieler sollen möglichst natürlich
agieren, und so das Theater verschwinden lassen. Die Schauspieler meistern diese schwierige Aufgabenstellung sehr gut. Große Gefühle und technisch anspruchsvolle Choreographien kommen natürlich und ungezwungen rüber. Obwohl die Charaktere teilweise sehr abgefahren sind, gelingt es den Schauspielern die notwendige Glaubwürdigkeit herzustellen.
Allerdings scheint an einigen wenigen Stellen das Theater durch: Zum einen ist der Text streckenweise ein wenig befremdlich und umständlich und erinnert einfach zu sehr an Theatertext. Zum anderen sind die Charaktere teilweise so schräg, dass man ihnen ihr Verhalten nicht immer abkaufen kann.
Mein persönlicher Gesamteindruck ist absolut positiv. Ich empfehle das Stück Jedem, der nicht unbedingt eine fesselnde Handlung braucht, sondern auch an gutem Charakterspiel Gefallen finden kann. Sitzfleisch muss man allerdings mitbringen, das Stück dauert ca. 2,5 Stunden und wird natürlich konzeptbedingt ohne Pause aufgeführt.